Nailed To Obscurity – King Delusion

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Releasedatum: 03.02.2017

Apostasy Records / Melodic Death-Doom / CD – Vinyl / OSTFRIESLAND / 8 Songs / 55:49 Min

Ich habe dieses Review von meine Kumpels dem Rüdiger Vinschen vom REAPERZINE.DE überlassen. Danke dafür. Da ich zu 100% dahinterstehe, was er schreibt, kann ich es ohne Bedenken auch bei Possessed.de verwenden.

Jetzt haben sie es getan, da ist das dritte Album. NAILED TO OBSCURITY, die sympathischen Melodeath/Doomer aus Ostfriesland, veröffentlichen ihr drittes Album “King Delusion” in Kürze, natürlich wieder über das Undergroundlabel Apostasy Records, das in diesem Jahr auch sein fünfjähriges Bestehen feiert. Herzlichen Glückwunsch an Tomasz an dieser Stelle! Nach dem 2007er “Abyss” und “Opaque” von 2013 komplettieren sie damit ihre Erst-Trilogie. Man sagt ja, dass das dritte Album einer Band mit am wegweisendsten ist. Und es lag bereits ein Nachfolger für das damals gefeierte “Opaque” in der Luft, nicht nur, wenn man dem Facebook-Auftritt des Fünfergespanns
folgt. Zuletzt konnten NAILED TO OBSCURITY ziemliches Aufsehen erregen, einmal durch ihre Auftritte auf verschiedenen Festivals (darunter das Ruhrpott Metal Meeting, das Summerbreeze und das Wacken Open Air), und außerdem durch ihren Supportgig für die Releaseshow von PARADISE LOSTs “The Plague Within”. Wer die Männer kennt, weiß, dass vor allem dieser Gig ihnen auch persönlich viel bedeutet hat, und das nicht nur, weil ihr Auftritt sehr gut angekommen ist. Die Indizien verdichten sich also,
dass so etwas wie Aufbruchsstimmung in der Luft liegt, und ich denke, mit “King Delusion” haben sie sich dazu einen weiteren Meilenstein gesetzt.
Eingangs will ich einen groben Überblick zu den Neuerungen geben, die “King Delusion” ausmachen und auch ein wenig von seinen Vorgängern abheben. Im Vergleich zu “Opaque” lässt sich der Neuling oft deutlich mehr Zeit. Die Atmosphäre, die vorher schon eindringlich und jederzeit greifbar war, wird noch weiter verdichtet. “King Delusion” ist in seiner Gesamtheit sehr viel atmosphärischer und verträumter als “Opaque”, auch wenn treibende Passagen und immer wiederkehrende Aufstampfer nie weit entfernt sind. Was NAILED TO OBSCURITY perfekt beherrschen, ist genau das richtige Maß zu finden, dass jeder Gedanke sich ohne Zwang oder Druck entfalten kann und zu einem logischen Schluss gebracht wird, bevor er zu einer unangenehmen Länge wird. Es ist unheimlich leicht, sich in den Songs zu verlieren, und es kann schon sein, dass man überrascht aufmerkt, wenn die knapp 56 Minuten Spielzeit um sind. Das ist noch etwas Tolles an diesem Scheibchen. “King Delusion” dankt es einem mit vielen schönen Details, wenn man sich darauf einlässt, aber es fordert das nicht. Man kann sich genausogut entspannt treiben lassen. Damit haben sie ihr Meisterstück abgeliefert.

Der Opener und Titeltrack geht da noch im Vergleich (derlei Äußerungen sind immer relativ zu sehen) brachial zu Werke, lebt mehr von seinen eindringlicheren Passagen und den kräftigen Riffs, beruhigt sich aber schon immer wieder mal und lässt nie so etwas wie Hektik aufkommen. “Protean” gibt sich mit ausgedehnteren ruhigen Parts und cleanen Gitarrenläufen etwas nachdenklicher, scheint mir zuweilen aber auch geradezu beschwingt voranzuschreiten. Ein sehr schönes Stück, das eine positivere Einstellug vermittelt, als der Text vermuten lässt. Der erste große Seufzer entweicht einem aber erst mit dem dritten Track, der als Intro zu “Deadening” konzipiert ist und eine so hohe lautmalerische Suggestivität besitzt, wie ich sie nur ganz selten erlebt habe. Ich fühle mich sofort, als schwebe ich unter Wasser, in einem endlosen, pechschwarzen Ozean. Ich blicke auf und sehe die spiegelglatte Oberfläche, aber hier unten ist alles still. Als die Gitarrenakkorde einsetzen, stört etwas die Ruhe. Vielleicht sind es Tropfen, die auf das Wasser fallen, oder es ziehen Wellen über mich hinweg. Oder es fällt etwas ins Wasser. Die Geräusche schwellen an und wieder ab. Da erst schaue ich auf den Tracknamen und erkenne, dass “Apnoea” genau passt. Der seichte Übergang zu dem sehr ruhigen “Deadening” ist ganz typisch für
“King Delusion”, auf dem es keine schroffen Kanten oder spitze Ecken gibt. Alle Übergänge kündigen sich an, niemals gerät der Fluss der Musik ins Stolpern.
Die Vocals von Raimund Ennenga können ebenso begeistern. Seit mindestens drei Alben seiner beiden Bands, dieser und BURIAL VAULT, beobachte ich, wie er sich konsequent weiterentwickelt. Es ist nicht so, dass Raimund sich mehr stimmliche Qualität aneignet, sondern vielmehr so, dass er mit der Zeit immer weiter experimentiert und seiner stimmlichen Bandbreite mehr Raum verschafft. So hören wir auf “King Delusion” sein ganz typisches Zwei-Ebenen-Growling, wie auch geflüsterte Zeilen und Klargesang in verschiedenen Lagen. Doch nie dreht er irgendwelche Kapriolen, sondern findet immer genau das Maß an Variation und Intensität, das die jeweilige Stelle erfordert. Alle Musiker gehen hier in ihrer Gesamtheit vor allem gemessen vor und erschaffen so ein Komplettwerk, dass nicht nur wie aus einem Guß wirkt, sondern seine Gußform selbst bestimmt. Auch die Gitarren, im doomigen Bereich eher selten dazu in der Lage, durch große Frickelei zu glänzen, sind so minutiös präzise eingesetzt, dass einem partout nicht einfallen will, wie man es noch besser machen könnte. Viel Input kommt auch von Bass und Drums, die auch mal Takte fernab des Vierviertels vorgeben, mal gemächlich schlendern, aber auch verdammt viel Pfeffer entwickeln können.

“Memento”, “Devoid” und “Desolate Ruin” sind gleichermaßen großartige Tracks, wobei der Abschluss noch der eingängigste ist, der den Hörer noch lange nach Verklingen des Schlussakkords begleitet. Die kompositorische Glanzleistung und der zweite Höhepunkt der Platte ist jedoch mit “Uncage My Sanity” erreicht, der monumentale zwölfeinhalb Minuten umspannt, aber dennoch keine einzige Länge besitzt. “Uncage My Sanity” ist die gesamte Bandbreite des Albums quasi komprimiert. Ich bin schon sehr gespannt, welche Songs davon Live-Qualitäten besitzen, bzw. welche Stimmung im Raum durch sie erzeugt wird. Ein abschließendes Wort zur Produktion, der gute Victor
Santura hat hier nichts anbrennen lassen. Die Promo war sogar ziemlich leise eingestellt, Raimund versicherte mir aber, dass die endgültige Fassung lauter sei. Ich hatte eigentlich vermutet, dass das leisere Mixing bewusst so gewählt war und den um sich greifenden Loudness War konterkarieren sollte, aber sei’s drum. Von Becken über Bass bis Vox und Gitarren wurde ein ausgewogener, klarer Mix geschaffen, der die Tiefe der Musik exzellent abbildet.

Anspieltipps: “Apnoea” im Verbund mit “Deadening”, sowie das epische “Uncage My Sanity”

Ein Werk mit außergewöhnlicher Tiefe und sehr dichter Atmosphäre, ein Kind von kompositorischem Scharfsinn, dabei aber völlig ungezwungen. Wer sich zwischen PARADISE LOST und KATATONIA zu Hause fühlt, wird sich hier genüsslich in den Sessel fallen lassen. Ich muss das an dieser Stelle so sagen, denn es handelt sich nicht um eine Gefälligkeitswertung: Es ist mir nicht möglich, eine andere Bewertung zu vergeben als die Bestnote. NAILED TO OBSCURITY wollen es jetzt wirklich wissen und setzen sich
mit “King Delusion” selbst ein Denkmal. Dieser Rundling ist im Melodic Death / Doom-Bereich nur ganz schwer zu toppen und gehört zum Besten, das ich in dieser Sparte überhaupt bis dato gehört habe. “King Delusion” ist bereits jetzt ein ganz heißer Anwärter auf das Album des Jahres und wird mit Sicherheit im Jahrespoll landen.

Tracklist:

King Delusion
Protean
Apnoea
Deadening
Memento
Uncage My Sanity
Devoid
Desolate Ruin

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